Die Familientherapeutin Virginia Satir hat das Bild vom "Selbstwerttopf" geprägt. Die Vorstellung dahinter ist einfach: Jeder Mensch trägt gewissermaßen einen solchen Topf in sich. Ist unser Selbstwert hoch, ist der Topf gut gefüllt. Fühlen wir uns unsicher, abgelehnt oder ungenügend, sinkt der Pegel.
Und dieser Füllstand verändert sich ständig. Eine anerkennende Nachricht, ein gelungenes Gespräch oder das Gefühl, dazuzugehören, können ihn steigen lassen. Kritik, ein misslungener Tag, das Gefühl, übersehen zu werden, oder der Vergleich mit anderen können ihn dagegen ziemlich schnell leeren.
Wahrscheinlich kennen wir das alle. Ich merke, wie gut es tut, wenn jemand meine Arbeit lobt. Wenn ich gebraucht werde. Wenn ich etwas besonders gut hinbekomme. Wenn Menschen meine Meinung hören wollen oder mir Anerkennung schenken. Und genauso merke ich, wie schnell Unsicherheit entsteht, wenn andere erfolgreicher, beliebter, schlagfertiger oder scheinbar gelassener sind als ich.
Ein voller Selbstwerttopf fühlt sich eben besser an als ein leerer.
Das Problem beginnt dort, wo ich immer mehr Energie dafür brauche, meinen Topf irgendwie gefüllt zu halten. Dann entstehen schnell meine ganz persönlichen "Selbstwert-Krücken".
Ich kann andere Menschen kleinmachen, damit ich selbst ein Stück größer wirke. Ich kann andere auf ein Podest stellen und mich selbst kleinmachen – in der Hoffnung, dass etwas von ihrem Glanz auf mich fällt. Ich kann versuchen, mir durch Leistung Anerkennung zu verdienen. Durch einen vollen Terminkalender. Durch Hilfsbereitschaft. Durch Likes. Durch Besitz. Durch neue Kleidung, Technik, Reisen oder andere Dinge, die mir für einen kurzen Moment das Gefühl geben: Jetzt bin ich jemand. Jetzt reicht es.
Manches davon ist überhaupt nicht schlecht. Leistung ist nicht schlecht. Anerkennung tut gut. Ich darf Dinge genießen und Menschen bewundern. Unfrei werde ich dort, wo ich all das brauche, um mir meinen eigenen Wert zu beweisen. Paulus schreibt an die Gemeinden in Galatien:
"Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auferlegen."
Galater 5,1
Ein Knecht zu sein bedeutet gewissermaßen: Ich gehöre nicht mir selbst, sondern bin dem Willen eines anderen untergeordnet – einer Macht, die über mich bestimmt.
Was bedeutet das heute für mich? Muss ich ständig Leistung bringen? Bin ich gezwungen, mit anderen dauernd mitzuhalten? Muss ich immer wieder zeigen, dass ich gut genug bin?
Dann bin ich gewissermßen dazu verdammt meinen Pegel im Selbstwerttopf ständig möglichst hochzuhalten. Gleichzeitig gibt es immer wieder Dinge, die meinen Selbstwert abschöpfen: Vergleiche, Erwartungen, Kritik oder das Gefühl, nicht zu genügen.
Wenn ich ständig versuche, meinen Selbstwert wieder nach oben zu treiben, werde ich unfrei. Für mich fühlt sich genau das wie dieses besagte „Joch der Knechtschaft" an.
Als Christ glaube ich, dass Jesus genau in diese Knechtschaft hineinspricht. Wenn ich bei ihm verwurzelt bin, muss ich nicht andauernd darauf schauen, wie ich meinen Selbstwerttopf wieder füllen kann.
Jesus begegnet Menschen immer wieder genau dort, wo sie sich selbst nicht genug sind: den Übersehenen, den Gescheiterten, den Menschen mit Schuld, denen, die sich beweisen wollen, denen, die sich selbst überschätzen – und denen, die von sich gar nichts mehr erwarten.
Mit Jesus unterwegs zu sein bedeutet deshalb für mich nicht, dass mein Selbstwerttopf jeden Tag randvoll bleibt. Auch als Christ werde ich immer wieder Selbstzweifel spüren, mich mit anderen vergleichen und das Bedürfnis nach Anerkennung haben.
Aber ich kann versuchen, mich nicht immer zu fragen: Was muss ich tun, damit ich wertvoll bin?
Sondern: Wie kann ich mir immer wieder bewusst machen, dass ich bei Gott andocken kann – egal, wie voll oder leer mein Selbstwerttopf gerade ist? Das ist ein großer Unterschied.
Denn wenn mein Wert nicht davon abhängt, besser als mein Gegenüber zu sein, muss ich andere nicht mehr kleinmachen. Wenn ich nicht von der Anerkennung anderer leben muss, kann ich mich ehrlich mit ihnen freuen. Wenn ich nicht perfekt sein muss, kann ich auch anderen gegenüber Fehler eingestehen. Wenn ich mich selbst als angenommen begreife, kann ich auch Menschen annehmen, die anders sind als ich.
Vielleicht meint Paulus genau diese Freiheit, wenn er einige Verse später schreibt:
"Ihr seid zur Freiheit berufen … dient einander durch die Liebe. Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort erfüllt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst."
Galater 5,13–14
Da gehören Selbstannahme und Nächstenliebe plötzlich eng zusammen. "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst."
Ich muss mich weder über einen anderen Menschen stellen noch ihm unterwerfen. Ich muss seinen Selbstwerttopf nicht leeren, damit meiner voller aussieht. Und ich muss ihn auch nicht auf ein Podest stellen, um selbst ein bisschen wertvoller zu werden. Wir können uns auf Augenhöhe begegnen.
Das nimmt mir nicht jede Unsicherheit. Es stopft auch nicht auf magische Weise jedes Loch in meinem Selbstwerttopf. Aber es kann mich davon befreien, mein ganzes Leben damit zu verbringen, diesen Topf verzweifelt selbst füllen zu müssen. Vielleicht ist das eine der Freiheiten, zu denen Jesus uns einlädt:
Ich darf mich annehmen, weil ich angenommen bin. Ich darf den anderen annehmen, weil auch er seinen Wert nicht von mir bekommen muss. Und ich darf meine Krücken Stück für Stück loslassen. "Zur Freiheit hat uns Christus befreit. So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auferlegen."
